Leseprobe: Selen Tetes – Bimmelnde Elfen und tote Prinzen

Elfenaufgaben
Alle Augen waren auf Eliwynn gerichtet, die in demütiger Haltung verharrte.
Doch sie wandte allen den Rücken zu, sodass sie all diese Blicke nur spürte, wie einen unsichtbaren Druck.
Die blonde Elfe kniete neben Jibila, dem ältesten aller weißen Mönche. Auch sein Blick richtete sich auf sie.
Eliwynn neigte den Kopf noch tiefer, bis ihre Nase fast den kalten Boden berührte. »Eliwynn fin Garje!« Wie ein Hammerschlag hallte ihr Name durch die große Gebetshalle. Sofort setzte ein nervöses Murmeln der Mönche ein. Sie hob den Kopf ein wenig um in Jibilas Gesicht zu blicken. Doch ihre Haare hingen wie ein Vorhang davor und die Hände durfte sie nicht von den heiligen Nüssen nehmen.
»Ich suche die Magierin Eliwynn fin Garje!« Erneut wehte die angenehme Männerstimme durch den Raum. Das Murmeln verstärkte sich.
Sie hörte wie Jibila aufstand. Doch da sie ihre Stellung nicht aufgeben durfte, bevor sie die verdammten vierhundert Verse still gebetet hatte, musste sie knien und die Hände an die Nüsse halten. Wenn sie den Hintern ein wenig anheben würde, würde sie durch die Beine sehen können, wer da nach ihr rief. Doch allein die Vorstellung, wie blöd sie dabei aussehen würde, ließ sie verharren.
Kurz darauf hörte sie Schritte, die sich rasch näherten. Neben ihr endete das Geräusch und Eliwynn wünschte sich kürzere Haare.
»Eliywnn fin Garje?«
Sie nickte stumm.
»Was haltet ihr da fest?« Der Mann hatte anscheinend noch nie etwas von den gesegneten Nüssen Jotans gehört. Sie seufzte. Das hatte sie auch nicht, bevor sie in das Kloster gegangen war. Sie durfte ihm trotzdem keine Antwort geben.
»Hört ihr mich?«
Sie nickte, verwünschte erneut ihre Haare, die sie fast blind machten und musste aufpassen, dass sie die gesegneten Nüsse nicht in die Verwünschungen einschloss.
»Seit ihr stumm?« Eliwynn seufzte. Was für ein Idiot. Wusste er nicht, dass man hier zu schweigen hatte. Sie schüttelte den Kopf.
»Wollt ihr nicht mit mir sprechen?«
Wie sollte man jemanden zu verstehen geben, dass er sich verpissen soll, wenn man die Hände an heilige Nüsse halten musste und kein Wort sagen durfte? Sie versuchte es mit einem Knurren.
»Hat man euch etwas angetan?« Dann hörte sie ihn rufen: »Wenn hier einer von euch der edlen Eliwynn ein Leid zugefügt hat, wird er von meiner Klinge gestraft.«
Jetzt wurde das Gemurmel aufgeregter. Eliwynn verdrehte die Augen. Wer hatte den Schwachkopf überhaupt hereingelassen?
»Hat es allen die Sprache verschlagen?« Er war wütend und sie hörte, dass er sein Schwert zog. »Ich hasse es, wenn ich Monologe halten muss. Und wenn ich wütend werde, werdet ihr ganz sicher mit mir reden!«
Jetzt konnte sie hören, wie die anderen Mönche und Nonnen die Gebetshalle hastig verließen. Türen wurden aufgerissen und die vielen Füße erzeugten ein summendes Geräusch.
Eliwynn sank in sich zusammen. Sie nahm die Hände von den Nüssen und stand auf. »Kommt.« Ihre eigene Stimme hörte sich kratzig an, da sie diese jahrelang nicht mehr benutzt hatte.
»Urenel fin Kerkill, Schwertmeister vom Hofe König Jarkartas und einer der sieben Schwerttänzer.« Kaum das sie aus der Gebetshalle getreten waren, schien es aus ihm herauszuplatzen. »Ich komme in einer wichtigen Mission.«
Eliwynn nickte. Sie ging weiter über den sonnigen Hof, der das Zentrum des Klosters darstellte. In der Mitte war eine Statue aus weißen Marmor, die Jotan darstellte samt seiner gesegneten Nüsse. Sie gingen darum herum und erst, als sie den weiten Klostergarten erreichten, ließ Eliwynn sich auf eine der kleinen Steinbänke sinken. »Jetzt sprecht.«
Urenel blieb steif stehen. »König Jarkarta schickt mich. Ich soll euch nach Burg Eichentafel begleiten.«
»Nur ihr?«
»Ja. Ich bin allerdings ein erstklassiger Schwertkämpfer und unter meinem Schutz werdet ihr sicher sein.«
Eliwynn verzog das Gesicht. Der Mann war eingebildet. »Königliche Gesandte reisen meist mit einem größeren Tross.«
Urenel nickte. »Das liegt an den besonderen Umständen, edle Eliwynn.«
»Würdet ihr mir diese nahebringen, Urenel? Oder muss ich sie aus eurer arrogant hohen Nase ziehen?«
»Was?«
»Ich habe fünf Jahre kein Wort gesprochen. Der König wusste, dass ich kein Interesse mehr für den Hof habe. Weshalb schickt er euch? Was ist vorgefallen?«
Urenel nickte ernst. »Fünf Jahre sagtet ihr?«
»In der Tat.« Sie sah ihn solange auffordernd an, bis er nervös wurde.
»Es ist der ausdrückliche Wunsch von eurem König, dass ihr an den Hof der Menschen in Eichentafel reist. Dem König ist bewusst, dass ihr seit langem Jotan gehört. Deshalb ist dies kein Befehl, sondern nur eine dringende Bitte.«
Eliwynn schnaubte. »Kommt endlich zum Punkt, Urenel.«
»Dafür, dass ihr fünf Jahre geschwiegen habt, seit ihr jetzt aber redselig.« Urenel zeigte ein blasiertes Lächeln. »Ein Mord, edle Eliwynn. Wir müssen einen Mörder finden. Das ist unsere Mission.«
»Dafür bedarf es einer Kampfmagierin und eines Schwertmeisters?«
»Prinz Nouri von Eichentafel wurde ermordet. Man fand einen Elfendolch in seiner Brust und schon glauben die ungebildeten Menschen, dass wir daran schuld seien.«
Eliwynns Augen weiteten sich, als sie begriff. »König Jarkarta schickt uns dorthin, um den wahren Mörder zu finden?«
»Genau. Deshalb sollten wir schleunigst aufbrechen.«
»Wollte niemand am Hofe diese Aufgabe übernehmen?«
Urenel zögerte. »Nun, es war nicht so, das man sich darum gerissen hätte.«
Ein Lächeln umspielte unerwartet Eliwynns gleichmäßige Züge. König Jarkarta wusste, dass sie diese Aufgabe nicht ablehnen würde. Sie würde sich jeder Gefahr stellen, wenn es darum ging für den Frieden einzutreten. »Interessant.«
»Woran hattet ihr eigentlich die ganze Zeit eure Hände gepresst. Es sah seltsam aus.« Urenel schüttelte den Kopf. »Ich halte nicht viel von Religion. Dieses ständige singen und beten und irgendjemand erklärt wie wichtig es sei etwas nicht zu tun. Meist genau die Dinge, die man gerne tut. Wie bei euch. Ihr redet doch gerne, oder?«
Eliwynn stand auf. »Darum geht es ja. Man muss sich Regeln unterwerfen. Aber gilt das nicht auch für einen Schwertmeister?«
»Wir singen und beten nicht.«
»Ich verstehe.« Sie lächelte ihn an. »Dann ist es natürlich etwas ganz anderes.«