Leseprobe: Hüterin der Steine – Die graue Stadt

Abschiede

Die ersten Sonnenstrahlen stiegen über die Bäume, als Kiara sich wie eine Diebin aus dem Haus ihrer Großmutter stahl. Sie wollte sich unter den wartenden Schatten der großen Bäume verbergen, um unter ihrem Mantel die Heimat zu verlassen und ihre Mutter zu finden.
Großmutter Anre war still eingeschlafen und hatte nicht gemerkt, wie die weißen Frauen ihren Atem stahlen und ihre Seele aus dem Körper zogen. Sie hatte einfach aufgehört zu atmen. Doch Kiara hatte es gespürt, als die weißen Frauen kamen. Kalt war ihr geworden. Als sie nach ihrer Großmutter sah, lag diese friedlich und tot da. Kiara war nun ganz allein.
Die Haustür schloss sich ein letztes Mal hinter Kiara, die ihr bestes Leinenkleid angezogen hatte. Den Überwurfmantel von Großmutter hatte sie sich genommen, weil sie wusste, dass ihre Großmutter es so gewollt hätte. Der Findestein lag in dem kleinen Beutel, in dem sie ihre Habseligkeiten gesteckt hatte. Sie hatte sich schon lange vorbereiten können, denn das Leben ihrer einzigen Verwandten war immer schwächer geworden.
Sie straffte die Schultern und ging mit festen Schritten voran. Sie musste weit weg sein, bevor man bemerkte, dass die alte Enra tot war. Man wird die kleine Hütte durchwühlen und der Dorfmann wird vor Wut brüllen. Denn der Findestein war nicht mehr da. Das Einzige, was von Wert war, hatte Kiara mitgenommen. Der Stein gehörte ihr, wie er ihrer Großmutter gehört hatte.
Doch Kiara beschloss, sich nicht damit aufzuhalten, was gewesen war oder was andere dachten. Sollten sie sie doch eine Diebin nennen. Der Stein war seit Generationen in der Familie. Außerdem war er der einzige Weg, um ihre Mutter zu finden. Sie versuchte, sich das lächelnde Gesicht vorzustellen, doch ihre Erinnerung war wie ein dünner Vorhang, der nur ein blasses und durchscheinendes Bild lieferte. Trotzdem hielt sie sich daran fest, als sie in den Wald trat, dessen nächtliche Kühle sie umschloss und seine Schatten ihre Gestalt verschluckten.
»Kiara?« Eine dünne Stimme erreichte sie, kaum dass sie sich in den Schatten sicher fühlte. Sie blieb stehen, doch sie wandte sich nicht um. Es war schon so schwer genug. Da konnte sie keinen großen Abschied gebrauchen. Auch wenn Timmo ihr nicht glauben wollte, konnte sie nicht bleiben.
»Du gehst?« Er kam näher und Kiara hoffte, das er allein war und seine Stimme niemanden weckte. »Ohne dich zu verabschieden?«
Jetzt wandte sie sich doch um, dumm wie sie war und sah dem Jungen in die Augen, die in dem wenigen Licht leuchteten. Als wäre er ein Schatten mit Augen, dachte sie. Doch sie musste auf ihn genauso wirken.
»Es geht nicht anders, Timmo. Der Dorfmann wird mich sonst verkaufen, damit wenigstens ein paar Schulden beglichen wären.« Außerdem würde der große Mann, der ihr schon immer Angst eingeflößt hatte, den Findestein an sich nehmen. Ohne diesen konnte sie ihre Mutter niemals finden.
»Mein Vater würde das nicht erlauben. Ich rede mit ihm. Du weißt doch, wie gern ihn die Leute haben.« Er grinste. »Vielleicht kannst du bei uns leben. Wir könnten immer zusammen spielen.«
Timmos Vater war der Holzmacher, der die wundersamsten Dinge herstellen konnte. Einmal hatte Kiara gesehen, wie er ein Gestell aus dünnen Holzstäben gebaut hatte und es mit Stoff bespannte. Das hatten sie an einen langen Faden gebunden und es ist geflogen. Stundenlang hatte Kiara dieses merkwürdige Ding im Himmel über dem Dorf bewundert. Es war Zauberei gewesen.
»Dein Vater ist ein guter Mann.« Kiara wusste, dass sie nicht schlecht über Timmos Vater reden durfte. Er war Timmos Held und mit sechs Jahren sollte wohl der Vater immer der Held sein. Zumindest, wenn man einen Vater hatte. Aber der Holzmacher betrank sich gerne und dann schlug er um sich wie ein tollwütiger Bär. Großmutter Anre meinte einmal, er hätte genauso viel am Tag gebaut, wie er nachts zerstörte. Sie hatte das lustig gefunden. Doch Kiara hatte das nicht verstanden. Was war daran lustig?
Aber deswegen war der Holzmacher auch arm, fast so arm wie Großmutter und sie. Er konnte kein weiteres Kind aufnehmen. Timmo war dünn wie ein Galgenstrick.
»Aber du gehst trotzdem?« Timmo wusste schon, wie sie antworten würde. Später einmal konnte er vielleicht verstehen, dass sie nicht anders handeln konnte. »Kommst du denn wieder?«
»Das weiß ich nicht. Ich werde meine Mutter finden und wir werden gemeinsam irgendwo leben, wo es schön ist und die Menschen freundlich sind.«
»Ich bin doch freundlich, oder?« Timmo war noch näher gekommen und stand keine Armlänge weit entfernt von ihr. »Außerdem ist es hier auch schön!«
Sie lächelte, obwohl er es nicht sehen konnte. »Du bist freundlich und ich habe dich sehr gerne, Timmo. Aber schön ist es hier nicht. Nicht für mich. Es sind nur traurige Erinnerungen, die mich an das Dorf ketten. Daher werde ich nicht zurückkommen.«
Timmo sprang vor und warf seine Arme um sie. Er drückte sie mit einer Intensität an sich, als wolle er sie in sein Herz hineinpressen. Sie erwiderte die Umarmung und so standen sie einen Moment in dem Schatten der Bäume, als könnten sie die Zeit überlisten und ewig so verharren. Doch schließlich schob Kiara den Jungen mit sanftem Druck von sich. Sie hatte seine Tränen gespürt und damit gerungen nicht ebenfalls welche zu vergießen. Wenn sie nachgab, wird sie kein Ende finden und sie würde bleiben. Das jedoch durfte nicht sein. So gerne sie den kleinen Tollpatsch auch hatte, waren ihr solche Gefühle nur im Weg. Sie musste ihre Mutter finden.
»Wie willst du denn wissen, wo deine Mutter ist?« Er schluckte seine Tränen hinunter und versuchte tapfer zu sein. Warum war er auch hinter ihr hergekommen? So hatte es ihnen beiden wehgetan. Er hätte im Dorf bleiben und sie später dafür hassen können, dass sie gegangen war. Doch jetzt würde dieser Augenblick ihre Schicksale miteinander verknüpfen. Sie wusste nicht, ob das gut war.
»Ich habe etwas, das mir helfen kann.« Sie schluckte schwer und versuchte ihrer Stimme einen freudigen Ton zu geben. Ja, sie sollte sich auch freuen, weil sie alles hinter sich ließ und ihre Mutter finden würde. Ihre Mutter, die sie so lange vermisst hatte. Viel zu lange.
»Der Findestein?« Timmos Stimme war ein Flüstern, als habe er Angst davor, es auszusprechen. »Der, den der Dorfmann unbedingt haben will?«
»Sag es ihm nicht. Sag niemanden, dass du mich gesehen hast.« Sie wollte nicht darüber nachdenken, was der Dorfmann dem kleinen Timmo antun konnte. Die Wut des Mannes, dessen Gesicht immer rot, wie eine alte Beere war, kannte oft keine Grenzen. Er war nur der Dorfmann, weil sich keiner mit ihm anlegen wollte. Jeder im Dorf fürchtete ihn. Bis auf Großmutter Anre, die ihm ins Gesicht gelacht hatte, als er den Findestein von ihr forderte. Er könne ihn sich holen, wenn sie tot war, hatte sie ihm gesagt. Jetzt war sie tot und der Findestein lag schwer in Kiaras Bündel.
Timmo schüttelte den Kopf so heftig, das Kiara fast lachen musste. Sie würde ihn bestimmt vermissen. Fast so sehr, wie ihre Großmutter. Doch ihr Herz zog sie zu ihrer Mutter, die sie unbedingt finden musste. Egal, was der Dorfmann tat oder was Timmo dachte.
»Ich kann mit dir kommen«, sagte er leise. Seine Worte waren Schatten, die wussten, dass sie im Tageslicht sterben müssen. Ein Angebot, das er machte, um sich selbst zu beruhigen. Es gab nur eine Antwort.
»Ich muss alleine gehen. Deine Mutter braucht dich. Du hast hier deine Wurzeln. Meine sind letzte Nacht gestorben. Deshalb hält mich hier nichts.«
»Die alte Anre?« Er hauchte es, weil er ahnte, was geschehen war. Seit Tagen war Großmutter nicht mehr aufgestanden und alle im Dorf wussten, dass es zu Ende ging. Doch das Lächeln in dem faltigen Gesicht würde Kiara nie vergessen, als sie ihr erzählte, was sie vorhatte. Das war die einzige Antwort und Kiara bildete sich ein, dass auch Stolz mit in diesem Lächeln lag, weil sie ihr Schicksal selber in die Hand nahm. Genau wie ihre Mutter es getan hatte.
Kiara nickte und Timmo wusste endgültig Bescheid. Doch noch immer war er nicht bereit sie gehen zu lassen. Er stand vor ihr, die Tränen, die sie wie ein Glitzern unter den Augen sehen konnte, ließen sie verharren.
»Du bist ein Mädchen. Du darfst doch nicht alleine durch den Wald gehen.«
»Ich werde nicht lange alleine sein. Meine Mutter wird mich bald begleiten. Du solltest dich für mich freuen.«
»Räuber und Hexen!« Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und war schon lauter geworden. Im Blattwerk riefen die ersten Spatzen. Sie musste sich beeilen.
»Davor fürchte ich mich nicht so sehr, wie vor dem, was mich hier erwartet. Vielleicht treffe ich ja nette Räuber oder freundliche Hexen.« Diese Worte waren mehr für sie gedacht, als für Timmo, der endlich wegsah und damit jenen Bann brach, der alles so schwer machte.
»Mach’s Gut, Timmo.«
»Ich werde dich suchen, Kiara«, versprach er mit einer Feierlichkeit in der Stimme, als würde er einen Eid ablegen. »Sobald ich alt genug bin, werde ich losziehen.«
Sie drückte ihn noch einmal, bevor sie sich umdrehte und tiefer in die Schatten trat. Die ersten Schritte waren schwer. Sie klammerte sich an das Bild ihrer Mutter und die Hoffnung, dass der Findestein ihr helfen wird. Auch wenn sie noch nicht wusste, wie er funktioniert.
Sicher stand Timmo noch eine Weile dort. Er würde weinen und seinen Eid niemals vergessen. Irgendwie fühlte es sich gut an, dass jemand nach ihr suchen würde. Das es jemanden gab, dem sie so wichtig war.
Nachdem sie weit genug gegangen und Timmo außer Hörweite war, sank sie zusammen und weinte. Schüttete die Tränen aus, die sie bisher zurückgehalten hatte.
Warum war ihre Mutter nicht bei ihr?